Für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen hat die Schule nach wie vor größten Stellenwert. Dabei muss sich das Schulsystem unseres Landes an einem humanistischen Menschenbild orientieren und alle Kinder
und Jugendlichen entsprechend ihren Möglichkeiten optimal fördern und ihnen gleichzeitig die gesellschaftlichen Anforderungen und Regeln unseres demokratischen Gemeinwesens nahe bringen. Die Schule hat also auch die Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu einem toleranten Zusammenleben
mit anderen Menschen zu befähigen.
Wir brauchen eine gemeinsame Schule für alle Kinder und
Jugendlichen, und dies bis zum Ende der Pflichtschulzeit.
Bei dieser Aufgabe kommt dem „Länger gemeinsam lernen“ eine
herausragende Bedeutung zu. Unser derzeitiges Schulsystem orientiert sich noch immer am Ziel homogener Lerngruppen. Das führt aber nicht zu besseren Lernergebnissen, sondern vielfach geradewegs zu einer Bildungsdiskriminierung, bei der die Kinder aus so genannten bildungsfernen
Schichten, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit
Behinderungen auf der Strecke bleiben. Hier muss es zu einer Veränderung
unseres Schulsystems kommen. Wir brauchen eine gemeinsame Schule für alle Kinder und Jugendlichen, und dies bis zum Ende der Pflichtschulzeit.
Wir müssen dabei Heterogenität als Fakt und als Chance anerkennen. Auch wenn Schüler und Schülerinnen länger gemeinsam lernen, ist individuelle
Förderung möglich, um sowohl gute Ergebnisse in der Spitze
als auch in der Breite zu erreichen. Eine gute Schulbildung im Sinne eines humanistischen Menschenbildes ist dabei nicht in homogenen, sondern vor allem in heterogenen Gruppen zu organisieren. Dazu brauchen
wir keine unterschiedlichen Schulformen, sondern eine gemeinsame
Erziehung der Kinder und Jugendlichen, die nicht von allen das Gleiche verlangt. Jede Schülerin und jeder Schüler muss dabei in seiner Gesamtentwicklung unterstützt werden. Es ist für die Kinder und Jugendlichen
von großem Vorteil, wenn sie miteinander und voneinander lernen und so ihre individuellen Fähigkeiten und soziale Kompetenzen optimal entwickeln.
Heterogenität, also unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten, unterschiedliche
Herkunft, unterschiedliches Wissen und Können, ist ein Charakteristikum einer jeden Gesellschaft. Heterogenität darf deshalb nicht aus der Schule herausorganisiert werden, weil sie als den Unterricht
erschwerender Faktor verstanden wird. Die Schule hat sich vielmehr der Aufgabe zu stellen, die Einstellung zur Heterogenität positiv zu verändern,
den Umgang mit ihr zu lehren und zu praktizieren sowie Reichtum und Chancen der Vielfältigkeit zu nutzen.
In nahezu allen europäischen Ländern lernen heute alle Kinder sechs oder mehr Jahre gemeinsam und die Hälfte der europäischen Länder hat inzwischen eine für alle gemeinsame Schule für die gesamte Dauer der Schulpflicht. Im internationalen Vergleich spielt das gegliederte Schulwesen
ab Klasse 5 nur noch eine Außenseiterrolle.
Die PISA-Studie hat uns eindrucksvoll vor Augen geführt, dass längeres gemeinsames Lernen in einer veränderten Lernkultur den Lernerfolg in der Breite und in der Spitze vergrößert. Wer Engagement und Leistungsbereitschaft
bei allen Kindern und Jugendlichen fördern will, muss ihre individuellen Ressourcen erkennen und fördern. Nach vier Jahren Schulbesuch ein fast immer endgültiges Urteil über die Chance auf das Abitur und ein Studium zu fällen, ist ungerecht gegenüber Kindern, deren Talente in dieser kurzen Zeitspanne nicht gefördert wurden oder nicht zur Entfaltung kamen.
Wir müssen Heterogenität auch in der Schule endlich als Vorteil begreifen.
Hier ist uns die Wirtschaft in vielerlei Hinsicht ein großes Stück voraus. Dort gewinnt immer mehr der Ansatz des „Managing Diversity“ an Relevanz, mit dem Vielfalt als Strukturprinzip von Gesellschaften und Gemeinschaften fassbar gemacht werden soll. Wenn es dort „Vielfalt bedeutet Stärke und Vielfalt braucht Individualität“ heißt, muss es in unseren Schulen zukünftig „Vielfalt bedeutet Stärke und Vielfalt braucht individuelle Förderung“ heißen.
Wichtig ist es dabei aber auch, innerhalb des Konzeptes des „Längeren gemeinsamen Lernens“ auf die Lernfreude und die Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen zu setzen. Schule muss sich an den Bedürfnissen
der Kinder und Jugendlichen orientieren. Das Deutsche Kinderhilfswerk
setzt sich in seiner Arbeit dafür ein, dass überall dort wo Kinder und Jugendliche betroffen sind, sie in die Gestaltung ihrer Lebenswelt einbezogen
werden. Das gilt auch für die Gestaltung des Schullebens.
Stand: 09. Juni 2008 Dieses Positionspapier ist Teil der bundesweiten Kampagne
des Deutschen Kinderhilfswerkes zum Thema Chancengleichheit
für alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland.