Im Spiel mit Anderen lernen Kinder sich kompetent zu bewegen, sie lernen
soziale Kontakte zu knüpfen, sich in größeren Gruppen zu verhalten, sich durchzusetzen und Regeln einzuhalten. Beim Spiel im Wohnumfeld lernen sie selbstständig zu sein, sich und ihre Umwelt zu organisieren.
Kindern geht durch die vielen Reglementierungen, denen sie
ausgesetzt sind, ein wichtiges Stück ihrer Kindheit verloren.
In vielen Bundesländern hat deshalb das Spiel der Kinder im Rahmen der frühkindlichen Bildung Eingang in Bildungspläne und Bildungsprogramme
gefunden. So stellt das Berliner Bildungsprogramm für die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen u.a. folgendes fest: „Das Spiel der Kinder ist eine selbstbestimmte Tätigkeit,
in der sie ihre Lebenswirklichkeit konstruieren und rekonstruieren. Sie behandeln die Wirklichkeit ihren Vorstellungen entsprechend; sie handeln und verhalten sich, als ob das Spiel Wirklichkeit wäre. Kinder konstruieren spielend soziale Beziehungen und schaffen sich die passenden
Bedingungen. Kinder verbinden immer einen Sinn mit dem Spiel und seinen Inhalten. Sie gebrauchen ihre Fantasie, um die Welt im Spiel ihren eigenen Vorstellungen entsprechend umzugestalten.
Das Spiel ist in besonders ausgeprägter Weise ein selbstbestimmtes Lernen
mit allen Sinnen, mit starker emotionaler Beteiligung, mit geistigem und körperlichem Krafteinsatz. Es ist ein ganzheitliches Lernen, weil es die ganze Persönlichkeit fordert und fördert. Im Spiel lernen die Kinder freiwillig und mit Spaß, über Versuch und Irrtum, aber ohne Versagensängste.
Im Spiel stellen sie sich ihre Fragen selbst und erfinden dazu die Antworten. Das entspricht zugleich dem Prinzip der Förderung von Bildung und Weltverständnis.“Wenn Erwachsene an besondere Erlebnisse
ihrer Kindheit zurück denken, dann denken sie selten an die Stunden
zuhause im Kinderzimmer, im Hort oder auf dem Spielplatz, sondern an die Stunden draußen, im Freien und mit Freunden: Im Wald, beim Baumhausbauen, im vollgerümpelten Hinterhof, an Seen und Bächen.
Laut einer Studie des britischen Innenministeriums spielen jedoch 33 Prozent aller Kinder bis zu zehn Jahren nie ohne Aufsicht Erwachsener im Freien. Früher durfte mancher Vierjährige allein auf die Straße, heute kommt das kaum noch vor. Hatten Kinder in Deutschland vor 20 Jahren einen Spielradius von 20 Kilometern, bewegen sie sich heute höchstens vier Kilometer von zu Hause fort; sie verbringen gerade mal zwölf Stunden
in der Woche außer Haus. Und wenn sie draußen sind, dann fast ausschließlich in Gehegen wie Trainings- oder Spielplätzen mit TÜV-geprüften Gerätschaften.
Eltern wundern sich, wenn ihre Kinder kaum noch dazu in der Lage sind, Spiele zu erfinden und die Eltern dauernd fragen, was sie machen sollen. Insbesondere Kinder aus der Mittel- und Oberschicht wachsen heute in viel stärkerem Maß unter den wachsamen Augen von Erwachsenen auf. Sie lachen abends beim Vorlesen mit ihren Eltern über die Streiche von Michel aus Lönneberga. Sollten sie sich aber am nächsten Morgen so aufführen wie Michel, werden sie sich bald im Wartezimmer eines ADS-Spezialisten wieder finden. Tom Sawyer gälte heute wahrscheinlich als hoffnungslos schwererziehbar. Die Vergabe des Ruhigmachers Ritalin ist innerhalb von zehn Jahren um das 270-Fache gestiegen; wenn jedes vierte Kind unter acht Jahren schon bei einem Therapeuten war, sagt das mehr aus über die Ängste der Eltern als über das Wesen ihrer Kinder.
Die dank der Elternängste neu entstandene Kindersicherheitsindustrie reibt sich die Hände: Jeder dritte Achtjährige besitzt ein Telefon, damit die Eltern wissen, wo ihr Kind gerade ist. Einige Telefongesellschaften bieten Dauerüberwachung an. Ist das Kind nicht pünktlich zu Hause, können die Eltern es über ihren Computer via GPS auf zehn Meter genau verorten. Da ist es schwer, sich den elterlichen Blicken zu entziehen und im weiter entfernt liegenden Wald ein Baumhaus zu bauen.
Der Tagesablauf von Kindern in Deutschland ist durchorganisiert, der Lernort Straße und Natur wird im Zeichen der Ganztagsschule von pädagogisch
beaufsichtigten Lernorten abgelöst. Ohne die Notwendigkeit erweiterter Bildungsaufgaben in Frage zu stellen, müssen wir uns fragen, was macht das mit unseren Kindern, wenn Sie keine Frösche mehr jagen, keine Mutproben mehr machen, keine Verstecke mehr finden oder keinen Streit mehr alleine ausfechten können. Kindern geht durch die vielen Reglementierungen, denen sie ausgesetzt sind, ein wichtiges Stück ihrer Kindheit verloren. Deshalb muss Kindern wieder mehr Raum und Zeit zum Kinderspiel eingeräumt werden.
Stand: 09. Juni 2008 Dieses Positionspapier ist Teil der bundesweiten Kampagne
des Deutschen Kinderhilfswerkes zum Thema Chancengleichheit
für alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland.